Auf der Suche nach qualifizierten Fachkräften entdecken Bremer Unternehmen eine neue Zielgruppe: Flüchtlinge und Asylbewerber. Senat, Handelskammer und Handwerkskammer haben vereinbart, in diesem Jahr 50 Ausbildungsplätze für Flüchtlinge zu schaffen. Für Karlheinz Heidemeyer, Geschäftsführer der Handelskammer Bremen, steht außer Frage: Die Wirtschaft ist bereit, Flüchtlingen eine Chance zu geben. „Wir brauchen die Unternehmen nicht mehr für das Thema aufzuschließen. Wir müssen ihnen nur die Möglichkeit geben, ihre Angebote mit geeigneten Bewerbern zu besetzen“.

Doch eben da hakt es derzeit noch, wie bei einer Veranstaltung des Wirtschaftsund  Strukturrates (WIR) Bremen-Nord deutlich wurde. Die Diskussion mit Vertretern von Unternehmensverbänden, Kammern, Arbeitsverwaltung und Bildungsträgern machte deutlich: Damit Flüchtlinge erfolgreich in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden können, müssen noch einige Weichen gestellt werden. Im Kern geht es um Sprachförderung und einen schnelleren Zugang zum Arbeitsmarkt durch beschleunigte Asylverfahren. Zumindest auf dem Papier ist schon etwas in Bewegung gekommen. Bund, Länder, Wirtschaft und Gewerkschaften als „Partner der Allianz für Aus- und Weiterbildung“ haben vor wenigen Tagen in einer gemeinsamen Erklärung Ziele und Maßnahmen formuliert. Flüchtlingen soll danach „schnellstmöglich“ der Weg in Schule, Ausbildung und Beschäftigung geebnet werden. Cornelius Neumann-Redlin, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände im Lande Bremen, stellte die wesentlichen Eckpunkte vor: beschleunigte Asylverfahren, Ausbau der Sprachförderung, Öffnung der Integrationskurse für Asylbewerber und Geduldete, Aufnahme von Flüchtlingskindern in allgemeinbildende Schulen, Hilfen zur Berufsorientierung und spezielle Vorbereitungskurse an Berufsschulen. Schon in den Flüchtlingsunterkünften sollen Kompetenzen und Qualifikationen erfasst werden. Betriebe, die Flüchtlinge ausbilden, sollen Planungssicherheit bekommen. Ein Vorschlag sieht vor, dass Flüchtlinge für die Dauer der Ausbildung und nach einem erfolgreichen Abschluss für zwei weitere Jahre in Deutschland bleiben sollen. Einige Firmen und Ausbildungsträger haben Flüchtlingen schon eine Chance gegeben. Mehrere wurden in der Veranstaltung des Wirtschafts- und Strukturrates vorgestellt. Bei der Firma BVT in Bremen-Nord haben sich zehn junge Flüchtlinge in einer zehnmonatigen Qualifizierungsmaßnahme auf eine Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker vorbereiten können. „Sieben von zehn haben vor einem Monat die Ausbildung begonnen“, zog Personalleiter Michael Heyer Bilanz. „Der Schlüssel für den Erfolg der Maßnahme war die Sprache.“ 15 Stunden pro Woche lernten die Flüchtlinge Deutsch, die Sprachlehrerin finanzierte die Firma aus eigener Tasche. Das kann sich nicht jedes Unternehmen leisten. Ulrike Brunken, Geschäftsführerin des Paritätischen Bildungswerkes in Bremen, begrüßt zwar die geplante Öffnung von Integrationssprachkursen für Flüchtlinge. Das allein reiche aber nicht. Der Bund müsse die berufsbezogene Sprachförderung finanziell stärker unterstützen. „Ich erwarte dringend eine Instrumentenreform“. Die Agentur für Arbeit im Land Bremen startet nach den Worten ihres Geschäftsführers Götz von Einem im Herbst einen berufsbezogenen Deutschkursus. Von Einem kann sich auch ausbildungsbegleitende Hilfen für die Sprachförderung vorstellen. „Da ist noch viel Luft nach oben“, sieht er die Fördermöglichkeiten ausbaufähig. Steffen Spitzner, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Handwerk, forderte mehr Fördergelder für Beschäftigungsprogramme. Wichtig für Unternehmen, die Flüchtlinge ausbilden wollen, seien schnellere Asylverfahren. „Eine Dauer von derzeit drei bis sechs Monaten bis zur Anerkennung ist ein Unsicherheitsfaktor für Betriebe.“ Unternehmen müssten als erstes mehr Informationen  über Möglichkeiten der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt an die Hand bekommen, meinte Handelskammer-Vertreter Heidemeyer. Damit sprach er einem Unternehmer im Publikum aus dem Herzen. „Mir ist das hier alles noch zu wenig konkret. Ich möchte wissen: Was kann ich als Arbeitgeber tatsächlich machen, an wen kann ich mich wenden? Das weiß ich nach diesem Abend immer noch nicht.“ Elfriede Dieke vom Vorstand des Wirtschafts-und Strukturrates Bremen-Nord versprach: Es werde weitere Veranstaltungen geben. Außerdem plane der Wirtschaftsrat, eine Arbeitsgruppe zum Thema Arbeitsmarkt-Integration von Flüchtlingen einzurichten.

Quelle: Die Norddeutsche